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VIEL HEISSE LUFT IN DER MARTINUSKIRCHE

178 500 Euro: Der teure Kampf gegen einen gefräßigen Nagekäfer

Von Peter Beckmann
Greven. Es ist ein possierliches Tierchen, der „Gescheckte Nagekäfer". Er ist nur wenige Millimeter groß und sehr gesellig. Er liebt es feucht, aber hat es nicht gerne zu warm. Und er hat großen Appetit. Dabei ist der kleine Kerl auch noch ein Leckermäulchen. Denn er frisst längst nicht alles. Und er ist trickreich. Denn wenn er seine Herzallerliebste anlocken will, klopft er mit dem zierlichen Köpfchen auf Holz - mit einer höllischen Geschwindigkeit von bis zu acht Mal pro Sekunde. Welches Weibchen ist da nicht beeindruckt? Doch so herzallerliebst der Nager auch ist, so gefürchtet ist er auch. Vor allem bei Menschen, die ein Haus oder ein anderes Gebäude mit einem Dach ihr Eigen nennen. Denn der größte unter den einheimischen Nagekäfern hat sich auf Holz aus Dachstühlen spezialisiert.

Wie gesagt: Der gescheckte Nagekäfer ist ein Leckerschmecker und hat sich deshalb den Dachstuhl der altehrwürdigen Martinuskirche als Vor-, Haupt- und Nachspeise ausgesucht. Sehr zum Ärger der Gemeinde. Denn die muss dafür, dass dem Nagekäfer der Garaus gemacht wird, tief in die Tasche greifen. 85 000 Euro schlagen zu Buche, Und die Holzsanierung im Vorfeld hat auch schon 93 000 Euro gekostet. Von den insgesamt 178 500 Euro muss die Marti-nus-Gemeinde 108 500 Euro selbst aufbringen. „Das bezahlt die Gemeinde aus den Rücklagen", weiß Michael Hüttemann von der Zentralrendantur.
Der Nagekäfer richtet zwar großen Schaden im Holz an, ursächlich für die Schäden ist er aber nicht. Denn er gilt als Pilzfolger und ist somit ein relativ verlässlicher Anzeiger für einen vorangegangenen, meist noch schwerwiegenderen Pilzschaden. Er wird auch als Faulholzinsekt bezeichnet, da er sich auf dieses feuchte Holz (über 16 Prozent Feuchtigkeit) spezialisiert hat. Ursache ist in allen Fällen ein unerkannter Feuchteschaden, der zum Beispiel durch Wassereintrag in der Bausubstanz zum Gedeihen des Pilzes führt. Vom Geruch dieses pflanzlichen Holzzerstörers wird nun der Nagekäfer angelockt, für den das angegriffene Holz besser verdaulich ist.
Und genau das macht sich Christoph Diers von der Firma „IRT" aus Lippstadt zunutze. Denn er sorgt mit zwei dicken Generatoren dafür, dass es dem Käfer im Gebälk so richtig ungemütlich wird. Das ist der Fall, wenn die Feuchtigkeit im Holz auf unter 16 Prozent zurück geht. Die im Holz fressenden Larven sterben bei zu geringer Holzfeuchte ab. Selbst wenn sie noch die Verpuppung und den Ausflug vollziehen, werden sie keine neuen Eier ablegen, wenn ihnen pilzbefallenes Holz nicht mehr zur Verfügung steht.
Und das wird mit Hilfe von Wärme erreicht. Die zwei Generatoren, die am Südportal aufgebaut sind, pumpen pro Stunde etwa 30 000 Kubikmeter 85 Grad warme Luft durch zwei Schläuche auf den Dachboden der Kirche, so dass dort eine Temperatur von 55 Grad erreicht wird. Mit Fühlern wird die Temperatur gemessen. „Am schwierigsten ist es natürlich, diese Temperatur auch im unteren Bereich des Dachbodens zu erreichen", erklärt Diers die Schwierigkeit der „thermischen Heißluftbehandlung".
Im Vorfeld hatte die Zimmerei Meyer aus Greven das verfaulte Holz durch frisches ersetzt. Und nun wird der Dachstuhl der Kirche etwa drei Wochen lang mit heißer Luft gefüllt. Ob sich die ganze Aktion auch gelohnt hat, ist einfach zu beweisen. Denn im Vorfeld hat ein Gutachter an bestimmten Stellen Larven des gescheckten Nagekäfers ausgesetzt. Haben die das Zeitliche gesegnet, ist alles gut. „Unsere Erfolgsquote liegt Dei 100 Prozent", sagt Diers stolz und weißt darauf hin, dass in den 20 Jahren seiner Tätigkeit noch keine Baustelle neu befallen wurde.
Für die Gottesdienstbesucher haben die Arbeiten keine Auswirkungen. Die Kirche wird sich nicht zur Sauna entwickeln. „Da ist alles gut isoliert, im Kirchenraum merkt man nichts von der Maßnahme", versichert Hüttemann.
Nur der gescheckte Nagekäfer, der kleine Kerl, wird die nächsten drei Wochen wohl nicht überleben - so hoffen die Experten. Und so richtig traurig ist darüber wohl kaum jemand...

Fotos: Peter Beckmann