PRESSE-BERICHTE
EIN SAUNAGANG FÜR HOLZWÜRMER
Mit 75 Grad heißer Luft wird Schädling in St. Antonius bekämpft
Bispingen. Im Jahr 1520 mussten die Holzwürmer, die den Bischofsthron der Kirche Saint Michel in Besancon mit ihrem "destruktiven Verhalten" zum Einsturz gebracht haben, sich noch keinem Gerichtsverfahren stellen. So steht es jedenfalls in dem Buch "Eine Geschichte der Welt in zehneinhalb Kapiteln" von Julian Barnes. Im Hier und Jetzt wird nicht lange verhandelt, sondern schnellstens kurzer Prozess gemacht, um Schlimmeres zu verhindern.
Denn wie rasant sich der Anbobium punctatum, also der gemeine Holzwurm, vermehrt, das hat Pastor Ottomar Fricke beobachten können. Noch vor Kurzem wurde in der St.-Antonius-Kirche in Bispingen dem Holzschädling temporär zu Leibe gerückt. Doch inzwischen reicht das nicht mehr. Wo im Februar noch alles in Ordnung war, sind jetzt die typischen Bohrlöcher zu sehen, ist der Holzwurm heimisch, zerstört das 99 Jahre alte Bauwerk von innen. Dabei bevorzugt der Käfer das weiche Tannen- und Kiefernholz, mag nur den äußeren Teil, das sogenannte Splintholz, der Eiche. Der Holzschutzgutachter Jochen Wiesner aus Lastrup reagierte schnell. Inzwischen ist die Firma IRT Innovative Restaurierungs Technik aus Lippstadt (Westfalen) vor Ort, hat ihr Equipment vor der Kirche postiert und im Inneren mit ihrer Arbeit begonnen.
Auf 20 Jahre schätzt IRT-Chef Christoph Diers das Alter der Holzwurm-Population in der St.-Antonius-Kirche. Obwohl er, wie er selber sagt, kein Kammerjäger ist, sondern ein Unternehmen für moderne Mess- und Regelungstechnik betreibt, kann er das dennoch einschätzen: Auf rund 250 Referenzobjekte seiner Spezialfirma, die Schadinsekten ohne den Einsatz von Giften vertreibt, verweist er. Dazu gehören z.B. das Frelichtmuseum Kiekeberg.
Zielgerichtet schwenkt Diers bei einem Rundgang mit zwei Mitarbeitern der Landeskirche in typischer Detektivart das Licht der Taschenlampe: "Eigentlich sitzt der Holzwurm überall", sagt er und zeigt Alexander Reuter vom Amt für Bau- und Kunstpflege Verden, und Orgelrevisor Reinhard Gräler die Hinterlassenschaften der Schädlinge an Handläufen im Treppenhaus zu den Emporen, im Gestühl, an den Ständern und den Arkadenbögen. Verschont blieben die Kanzel und der Altar. Weniger der Gesundheit wegen, sondern um die Schädlinge ein für allemal zu beseitigen, gibt es ab heute Mittag in der Kirche praktisch einen langen Saunagang: Gut 75 Grad Celsius sollen im Inneren erreicht werden. Und bei dieser Hitze- eigentlich schon bei 55 Grad - haben die Holzwürmer keine Chance: "Sie haben nicht den Organismus wie wir, sie können die Hitze nicht durch Schwitzen ausgleichen", erklärt Diers. Er ist sich sicher, dass das Problem damit zumindest für lange Zeit zu lösen ist.
Eine Menge Vorarbeit ist aber nötig. Bereits seit Mittwoch sind die vier Mitarbeiter von IRT dabei, die Orgel einzukleiden, sie vor der Hitze zu schützen. Denn nichts ist so teuer wie einen Schaden durch Überhitzung zu beseitigen, sagt Orgelrevisor Gräler. Zweischalig wird sie deshalb in extra dicke Folie eingepackt, die Bahnen mit einem Elektroschweißer verbunden. Ziel ist es, dass das Instrument mit nur einer maximalen Temperatur von 30 Grad Celsius belastet wird, sich das Material nicht verzieht. Ebenso wird der Eingang und der Altarraum, der nur aus Stein besteht, verkleidet. Schließlich soll nur das erhitzt werden, was wirklich nötig ist. Insgesamt 30.000 Kubikmeter Heißluft können pro Stunde eingeblasen werden. Auch wird die Feuchtigkeit kontrolliert, damit keine Risse oder Verwerfungen entstehen. Zwei bis drei Tage hat Diers eingeplant, bis in allen Ecken und Winkeln des Kirchengebäudes die nötige Temperatur erreicht ist. Um das zu kontrollieren, wurden Lücher für Messfühler in das Holz gebohrt. "Wir warten, bis das Objekt sagt, dass die Temperatur erreicht ist. Allerdings muss bis zum 18. Mai alles fertig sein, denn dann steht in St. Antonius eine Hochzeit an. Insgesamt kostet der Einsatz rund 33.000 Euro. Und in Zusammenhang mit einer großen Sanierung des Gebäudes, die für 2008 geplant ist, wird wohl die Landeskirche einen Großteil finanzieren. Rund 200.000 Euro wird das laut Reuter insgesamt kosten, 50.000 Euro muss davon der Kirchenkreis bezahlen.
Quelle: Böhme-Zeitung, Nr. 109, 11. Mai 2007


